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Malteser Heidelberg

Haiti

16.04.2010

Presse-Mitteilung
16. April 2010
Bananenbrötchen mit Pfeffer
Alltag im Malteser-Camp nach dem Erdbeben auf Haiti
Heidelberg. Zwei Wochen im Februar arbeitete und lebte der Heidelberger
Gynäkologe Wolfgang Heide im Malteser-Camp in dem zu 90% zerstörten
Léogâne auf Haiti. Von seinen Erlebnissen und Eindrücken vor Ort berichtet
er einer großen Zuhörerschaft am 13.04.2010 in einem Vortrag in der
Klinik Sankt Elisabeth in Heidelberg. Hunger, lebensbejahender Optimismus,
Traumatisierung, Improvisation, Zusammenarbeit und Schmerz – das
sind die immer wiederkehrenden Eindrücke, die Heide in den zwei Wochen
seines Einsatzes im Erdbebengebiet gewinnen konnte.
Der Gynäkologe hatte dem Malteser International schon seit einiger Zeit
seine Hilfe angeboten. Ganz kurzfristig forderten diese dann einen Gynäkologen
an, Wolfgang Heide sagte sofort zu, regelte kurzfristig seine Vertretung
in Praxis und Klinik und packte dann seine 15 kg Gepäck, die er mitnehmen
durfte. Da kein Kontakt zu dem Malteser Camp in Léogâne möglich
war, nahm er auf Verdacht eventuell benötigte medizinische Hilfsmittel
aus dem Kreißsaal der Klinik Sankt Elisabeth mit. „Spielsachen. Das ist,
was ich beim nächsten Mal mitnehmen würde. Um diese traumatisierten
Kinder wenigstens für einen Moment zum Lachen zu bringen.“
Am 21. Januar beginnen die Malteser mit der Errichtung eines Gesundheitspostens
in Léogâne. Das Camp steht auf dem Gelände einer Rumfabrik,
deren Besitzer der Hilfsorganisation sein Grundstück zur Verfügung
stellt, „wobei er selbst von schlechtem Gewissen geplagt ist, da er und seine
Familie im Gegensatz zu Hunderttausenden seiner Landsleute überlebt haben“,
so der Heidelberger Mediziner.
Rund 100 Patienten täglich behandeln die Ärzte im Camp, darunter viele
Traumatisierte, die Schmerzen verspüren, ohne dass ein körperliches Korrelat
gefunden werden kann. Narkosemittel fehlen anfangs, dafür tauchen
irgendwoher auf einmal hochdiffizile Instrumente zur Herzkatheterisierung
auf. Die alltägliche Widersprüchlichkeit im Chaos. Anfangs liegen die Patienten
auf dem Boden in Zelten, später dann auf selbstgezimmerten Untersuchungsliegen.
Das Malteser-Team lernt auch, mit den religiösen Besonderheiten Haitis umzugehen. Auf Haiti sind circa 80% der Bevölkerung
katholisch, genau so viele praktizieren gleichzeitig Voodoo.
Improvisation ist notwendig zum Überleben im Camp. So bauen die Helfer
aus einem Fass zur Rumgewinnung eine Dusche. Eine Toilette gibt es anfangs
nur im Privathaus des Besitzers der Rumfabrik, der Müll türmt sich
bergeweise auf und stinkt bestialisch. Mit vereinten Kräften versucht man,
ein Mindestmaß an Hygiene einzuhalten, um schlimmen Seuchen Einhalt
zu gebieten.
Das Essen für Patienten und Helfer wird meist von Patientenangehörigen
zubereitet. Diese kochen aus den Zutaten, die sie vorfinden. Und getreu
einer Malteser-Regel verläuft auch die Essensverteilung: immer zuerst die
Patienten, dann die Helfer. Mangos gibt es viele und Kochbananen. Die
Helfer improvisieren auch hier und kreieren neue Leibspeisen: Bananenbrötchen
mit Pfeffer. Not macht erfinderisch. Hunger ist der tägliche Begleiter.
Den Helfern ist es verboten, den Patienten Essen mitzugeben, denn
das hätte eine unvorstellbare, nicht zu bewältigende Sogwirkung zur Folge
gehabt. Dennoch brechen sie mit der Regel und stecken den Bedürftigsten
(Schwangeren, Stillenden, Älteren und Kindern) heimlich „Kids against
Hunger“-Beutel mit Reis und Bohnen unter die Jacken. Auch diese Päckchen
sind wie so vieles in den Lagern auf einmal da. Niemand weiß woher
und von wem.
Allen schlimmen Alltagskonfrontationen zum Trotz gibt es für das Malteser-
Team aus internationalen Ärzten, Krankenschwestern, Logistikern und
Administratoren sowie zahlreichen einheimischen Helfern immer wieder
schöne Momente: Eine Familie nennt ihr Kind, das sie in der Malteser-
Ambulanz in Darbonne zur Welt bringt, dankbar Jim Malte.
Der Heidelberger Gynäkologe hat seinen Vortrag bereits in Schulen gehalten
und wird von seinen Erfahrungen noch weiteren Menschen berichten,
um diese auf die Situation in Haiti aufmerksam zu machen. 505 Euro
konnten an diesem Abend für die Unterstützung der Arbeit des Malteser
Hilfsdienstes gesammelt werden.
Zum Abschluss dieser eindrucksvollen und informativen Stunde lässt Wolfgang
Heide eine Bilderfolge laufen. Im Hintergrund singen Haitianer. Musik
eines Gedenkgottesdienstes im Camp, die der Gynäkologe - wie auch die
Fotos - mit seinem Handy aufgenommen hat. Improvisation und Optimismus
inmitten des Schrecklichen.
Bildunterschrift: Der Frauenarzt aus Heidelberg, Wolfgang Heide, (rechts)
bei der ersten Operation in der neuen EADS-Rettungsstation im Februar
2010 in Léogâne auf Haiti. Foto: Tobias Kann/Malteser International
Bildunterschrift: Der Heidelberger Frauenarzt Wolfgang Heide berichtet in
der Klinik Sankt Elisabeth über seinen Hilfseinsatz mit den Maltesern im
Februar 2010 in Léogâne auf Haiti. Foto: privat Kontakt:
Diana Auwärter, Pressereferat Malteser Hilfsdienst
Diözesangeschäftsstelle Freiburg, Telefon 0761-455 25 29, Fax 0761-455 25 20;
presse@malteserfreiburg.de; www.malteserfreiburg.de
Weitere Informationen über die Klinik Sankt Elisabeth unter
www.sankt-elisabeth.de, Telefonnummer: (06221) 488-0,
Ansprechpartner für die Presse:
Geschäftsführerin Birgit Ratz, ratz@sankt-elisabeth.de;
Geschäftsführerin Oberin Schwester Adeltrud Jung
oberin@sankt-elisabeth.de
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in Ehren- und Hauptamt; an mehr als 700 Orten; über 950.000 Förderer
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